Die Bildungsausgaben sind hoch, doch zeigen Leistungserhebungen wie die jüngste PISA-Studie, dass es mit den Grundkompetenzen der Schweizer Schüler und Schülerinnen abwärts geht. Defizite zeigen sich vor allem beim Lesen, Schreiben und in der Mathematik. Die Fähigkeit, Gedanken sprachlich auszudrücken und geschriebene Texte sicher zu verstehen, nimmt ab. Mindestanforderungen in Mathematik – etwa die Fähigkeit zu ordnen und zu klassifizieren, Mengen und Zahlen zu erfassen, geometrische Formen zu erkennen und räumliche Vorstellungen zu entwickeln – sind jedoch unabdingbare Voraussetzungen dafür, mathematische Ergebnisse zu berechnen, zu überprüfen und zu beurteilen. Die jüngste PISA-Studie zeigt gleichzeitig auch, dass Schweizer Schülerinnen und Schüler soziale Medien intensiv nutzen.
Die Frage ist, was sich verändert, wenn Wahrnehmung, Kommunikation, Lernen zunehmend über digitale Geräte zirkuliert. Die Wissenschaft ist sich einig, dass die neuen Technologien gelesene, geschriebene, gehörte Sprache dramatisch verändert haben. Eine exzessive Nutzung digitaler Medien werde sowohl neurobiologische wie auch psychische Auswirkungen haben. Generative KI verändere unsere Gehirnstrukturen, einzigartige menschliche Fähigkeiten könnten verloren gehen.
Dieser Verlust ist quantifizierbar: Eine Studie zum Wortschatz Jugendlicher in einem psychologischen Fachmagazin zeigt auf, dass diese im alltäglichen Sprachgebrauch über 300 Wörter weniger sprechen als vor 10 Jahren – chatten, wischen wird als weniger anstrengend empfunden. Auch der Einsatz generativer KI wirft die Frage auf, welche kognitiven und wahrnehmungsbezogenen Fähigkeiten wir bewahren müssen, damit menschliches Denken nicht auf das Abrufen schneller Antworten reduziert wird.
Das Lesen und Verstehen eines längeren Textes verlangen «Tiefes Lesen» (Maryanne Wolf) – eine anspruchsvolle, kognitive, wahrnehmungsbezogene und affektive Tätigkeit. «Tiefes Lesen» macht Hintergrundwissen, Schlussfolgerungen, Perspektivenwechsel und Einfühlungsvermögen möglich. Um verstehendes Lesen zu lernen, braucht es Ausdauer, Interesse und Konzentration – es gibt keinen Schnellgang, um dahin zu gelangen.
Neurophysiologische Experimente zeigen ebenso, dass haptische Aktivitäten feinmotorische Fertigkeiten fördern und entwicklungspsychologisch das räumliche Vorstellungsvermögen überhaupt erst ermöglichen. Der Mensch hat das Bedürfnis, die Welt mit all seinen Sinnen zu erfahren. Zu den wichtigsten Zukunftskompetenzen zählt Kreativität. Um kreativ tätig zu werden, bedarf es der Techniken, die uns nicht zu blossen Nutzer:innen degradieren. Das in unseren Händen liegende Erkenntnispotenzial muss genutzt werden. Praktische Fähigkeiten – so Bildungsforscher Wolter – sind oft wichtiger auf dem Arbeitsmarkt als Allgemeinbildung. ‘Learning by Doing’ zeige sich auch in den Geisteswissenschaften, in der Informatik, in der Architektur. Wird mit der Tastatur die Handschrift verloren gehen? Verlernen Kinder ‘mit den Händen’ zu denken? Wie können wir diese entscheidende menschliche Fähigkeit sichern?
Diese Frage ist keine nostalgische Klage. Jede neue mediale Epoche hat andere Möglichkeiten eröffnet und damit einen Mehrwert geschaffen. Medienwandel ist immer mit Veränderungen und Verlusten verbunden. Wenn aber der Hinweis darauf, diese und weitere einzigartig menschlichen Fähigkeiten könnten verloren gehen mit dem Argument entkräftet wird, man gewinne andere kognitive und wahrnehmungsbezogene Fähigkeiten hinzu, wird ausgeblendet, dass diesmal die Verluste existentiell sein werden: Es gibt keine künstliche «Intelligenz», sondern autonome technische Systeme ohne Bewusstsein über das eigene Tun. Zum Reichtum menschlicher Intelligenz gehören Reflexionsvermögen, Emotionalität, moralisch ethische Empfindungen, Bewertungen und entsprechendes Handeln. Fähigkeiten, die technischen Systemen nicht zugänglich sind. Tragen wir Sorge dazu.
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